Alle Tage einer Woche- Dienstag

für A

Wie der harte Wind
der einen Vorwand sucht
in dein Haus zu gelangen
stellst du falsche Berechnungen an
für die männliche Kraft deiner Worte

Und dich
und deine eingeübten Atemzüge
durchstreift die Kälte
des immerwährenden Verlusts
genau hier
an diesem ganz besonderen Morgen
eines schwebenden Lichts



Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche - Montag


für M

Du weißt um die Kälte
der Endlichkeit beim Betreten der Nacht
du kannst nicht weiter gehen
als die Berechnung ergibt

jedem seine Schrittzahl

auf Bitten um Verlängerung
reagiert man gelassen bis taub
 
Gabriele Pflug

was wäre


wenn du aus deinen erzählungen schlüpftest
aus den versuchen
eine sprache für deine herzschläge zu finden
die du blind verstehst
für einen moment der gedankenlosigkeit
würde der himmel dich
nicht mehr bedrängen
die formel zu suchen
die dein leben ausmacht
in seiner weite und enge
kein klagen kein sehnen
mitunter nur ein schauer von glück

Gabriele Pflug

vom verschwinden II

des schnees

ein überwinterter gedanke
eiswort für jahrtausende
als lied eingefroren
unter dezembererde
unter ungespurtem schnee
so viel an schweigen
wie der mensch braucht
um neugeboren zu werden



Gabriele Pflug

vom verschwinden I


der frösche


aus ihren verstecken
aus gewässern
aus augen ohren
die sommer die bäche die gräser
abends
das herzstück der ufer
tonlos lautlos spurlos
 
Gabriele Pflug

erinnerungsschnipsel


die rückkehr zu papier
dem geruch nach früher
es war einmal
ein altes kind mit großen augen
und ein nachmittag
voller regen

Gabriele Pflug

wir gehen durchs leben


wir gehen durch städte
ihre geräusche im rücken
stimmen aus den parks
das herz als seismograph
der erschütterungen
wenn jemand auf halber strecke
verloren geht ohne abschied
wenn wir weinen

Gabriele Pflug

gedankenskizze II


der honigflug der bienen. waldlichtungen an wasserstellen.
lindes grün und leichter flügelschlag der farne.
da wusste die welt noch nichts von den kommenden menschen, die die ufer besiedeln werden.
wenig freundliches im blick, mit ihren großen schritten, die zukünftige grenzen abstecken mit raffenden bewegungen.
noch gab es windspiele und halmgezirpe und im herzen der wölfe dröhnendes gelächter.
noch schlief die blutfarbe der wörter tief und schwer.

Gabriele Pflug

gedankenskizze


der morgen drängt ans fenster.
lichtflirren und staubregen bei jeder bewegung.
anzeichen von wind in den blättern der linde. diffuse helligkeit.
die stille des raums. erhöhter herzschlag.
das beben des baumes.
jemand, der vor dem fenster weint.
 
Gabriele Pflug

im morgendlichen zwielicht


im morgendlichen zwielicht
verstecken sich ungeborene gedichte
vor den fenstern spielen kinder
mit losen enden von reimen

und
langsam langsam
dreht sich das wort
aufs papier
 
Gabriele Pflug

kreidezeit


das noch abwesende:
wörter, kartografierte landschaften
oder sätze wie die liebe sei in allem

doch die schatten erster raubtiere
begannen zu wachsen
bis heute
 
Gabriele Pflug

Barcelona, 17.8.2017


von der welt her wehen
schreie, eine brandung
die an verschlossene türen schlägt
bei jedem schmerzeslaut
stieben sterne auseinander

und die mitternachtsgesänge
aufgeschreckter schwäne
ihr flügelschlag, ein hissendes weiß
gegen den nachthimmel
erhellen kaum die schwarzen tiefen

das engelsgestirn ist verdunkelt
seit wir dem magnetfeld der liebe
den rücken gekehrt


Gabriele Pflug

abendland


die sonnenblume schließt ihr auge
über dem feld atmet ein mond

das land verhüllt
vom schlaf der wälder

du senkst deine stimme
um dein herz
nicht zu beirren
und zwischen hier und jetzt
beginnst du zu träumen
 
Gabriele Pflug

Die Mirzel


(aus: Eine einfache Geschichte)

„Spring“, ruft sie mir zu, schnappt ihren dunklen langen Rock, klemmt ihn geschickt zwischen die Knie und segelt gleich einem braunen Blättchen, das der Wind sanft emporgehoben hat, über den Bach.

Heiß lag der Mittag über Klam, die Straßen schienen sich zu bewegen, einzelne Staubwölkchen hingen wie schmutzige Vorhänge in der Luft, in denen sich die Sonnenstrahlen brachen.
Ich glaubte, die Bäume unter der unerträglichen Hitze seufzen zu hören.

Mirzel, klein, gebeugt, aber zäh, schien der heiße Tag nichts auszumachen.
Mit zwei Kühen und mir im Schlepptau strebte sie zielstrebig diesen Bach an.
Spring.
Den Klang ihrer Stimme habe ich immer noch im Ohr, auch wenn sie schon an die 30 Jahre tot ist.


Im Gegensatz zu ihren dunklen Schürzen hatte sie immer ein weißes Kopftuch auf. Es war im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden und der Zipfel schien gestärkt zu sein.
Wenn sie lachte, wippte er auf und ab, wie der Bürzel eines Schwans.

Gab sie mir einen Kuss, so kratzten mich ihre einzelnen, schwarzen Bartstoppeln und wenn ich merkte, dass es wieder mal so weit war, kicherte ich schon im Voraus und steckte meinen Kopf tiefer zur Brust.
Viel redete sie nicht, ihr fehlten die Zähne und mit zunehmendem Alter schienen sich ihre Lippen nach innen zu stülpen.
Wenn wir mit den zwei Kühen auf der Weide waren und uns auf ein schattiges Plätzchen unterhalb einer mächtigen Eiche zurückgezogen hatten, dann packte sie das Brot aus und begann daran stundenlang zu kauen.
Als ich Jahre später in der Schule von den Hornleisten der Rinder lernte, musste ich an sie denken. Sie saß neben mir wie eine wiederkäuende Kuh und schob den Brei von einer Backe zur anderen.

Sie war die Tochter armer kinderreicher Kleinhäusler, die gleich nach der Volksschule zu den benachbarten Bauern als Dirn arbeiten gehen musste.
Von einem zum andern geschickt, wo gerade viel Arbeit anfiel, wurde sie gebraucht. Nie wurde sie gefragt, sie wurde bestellt.
Rede nicht, arbeite, scheint das Erbe ihrer Eltern gewesen zu sein.
Ich kann mich nicht erinnern, sie einmal jammern gehört zu haben.
Was ich aber heute noch fühle, ist ihr Blick, der auf mir ruhte, die Augen, die beschützend über die Kühe, die Menschen und Wiesen glitten, auch der prüfende Blick in den Himmel, ob nicht ein Gewitter sich überraschend auftürmen würde, hatte immer etwas freundlich Gebendes.

Ihre letzte Bleibe fand sie bei einem Baumeister in Klam, der Schweine und 2 Kühe hielt, um die er und seine Frau sich weder kümmern wollten noch konnten.
Den Luxus, ein eigenes Zimmer zu bewohnen, hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt nie gehabt, bei den Bauern hatte sie mit mehreren Dirnen das Zimmer teilen müssen.
In direkter Nachbarschaft zu meinen Eltern begann sehr bald eine Freundschaft zwischen ihr und meiner Mutter und sie weitete sich auch auf mich aus.
Wenn meine Eltern abends wegmussten, durfte ich bei ihr im Bett schlafen. Sie roch nach Heu und warmem Kuhfell.

Als der Baumeister starb und die Witwe nach Deutschland zurückging, endete auch ihre letzte dienende Stelle.
Sie bekam ein kleines Zimmer gegenüber der Kirche zur Verfügung gestellt. Dort lebte sie noch einige Jahre, stand mit dem Glockengeläut auf und schlurfte täglich auf einen Nachmittagsbesuch zu meiner Mutter.
Als es ihr nur noch schwer fiel, die steile Treppe von ihrer Kammer zur Haustüre zu gehen, brachte ich ihr, wenn ich am Wochenende zu Hause war, Kuchen und Kaffee. Meist lag sie im Bett, immer schmäler werdend, mit spitzem Gesicht und umgebundenem Kopftuch, gleich einem Vogel, dem die Flügel gestutzt worden waren.
Nach einem Schlaganfall kam sie ins Altersheim, wo sie nach kurzer Zeit verstarb.
Es war mitten im Winter, als sie begraben wurde. Der Totengräber musste schon in den frühen Morgenstunden die Schneemassen zur Seite schaufeln, ehe er unter enormer körperlicher Anstrengung den gefrorenen Boden aufbrechen konnte.
Zum Zeitpunkt des Begräbnisses schrieb ich gerade meine Klausur.

Wenn ich heute an sie denke, dann meine ich, sie mit flinken Füßen aus dem offenen Grab klettern zu sehen, wie sie anschließend flugs den Friedhofsplatz überquert und mit einem mächtigen Sprung über den Graben fliegt, der sich zwischen der Friedhofsmauer und dem angrenzenden Wald auftut.


Sie trägt ihr Haar offen.
 
Gabriele Pflug

/weil erinnerungen bleiben/


am abend, wenn die zeiger unruhig laufen, macht er sich auf den weg.
der mond dringt bleich durch die wolkenritzen. die straßen glänzen wie nasse bänder,
die auf hügeln abgelegt, ein seltsames muster ergeben.es hat geregnet und er bemerkt es erst jetzt. es riecht nach regenwürmern.

hier irgendwo muss sie sein.

vor kurzem war er ihrem gesicht sehr nahe gewesen. aus dem mund roch sie schlecht. es hatte ihn wütend gemacht, wie sie dastand, stumm und ausdruckslos. 
unfreundlich und rücksichtslos ist diese art des besuchs, schrie er ihr entgegen.
ich brauche zeit, um mich vorzubereiten.

seine freunde, die um ihn standen, hatten beschämt zur seite geblickt.
pssst, nicht so laut, hatten sie geflüstert, füge dich.

dabei überschlugen sich ihre stimmen vor eifer. so wähnten sie sich in sicherheit.
es würden nicht zwei oder drei an der zahl sein, die sie im auge habe.
nur ihn hatte sie im blick. fest und schwarz.
aber sein heiseres kreischen hatte geholfen. sie verschwand geräuschlos.

er blickt empor.
der himmel in rosa getaucht. zwischen flamingowolken schwebt ein flugzeug mit ausgebreiteten armen. es zieht seine schleifen, ruhig und getragen.

ihm ist seltsam heiß. so, als würde er brennen. jetzt an einer kühlen glaswand stehen, in die nacht starren und auf jemanden warten.
eine hand ergreifen und nicht mehr loslassen.

er dreht sich um. die stelle, wo er losgegangen ist, verliert sich im orangefarbenen nebel der herbstlaternen.
wolken und sterne lösen sich in seinem seufzer auf. schon schlägt der puls unregelmäßig und verliert sich im wind, der über die wiesen anhebt.  er erblickt die schatten der bäume. sie sprechen tief. dröhnender bass jedes wort. 

sie lehnt am stamm des letzten baumes.
er hebt die hand. ein streichholz in der weite des himmels.
die andere hand hält er vors herz.
gleich wird es reißen, denkt er.

(für k. v.)


Gabriele Pflug

zu gleichen teilen


je mehr er sich gegen grobes und lautes abschottet, entsteht in ihm grobes und lautes.
das gute in ihm wird zur falle. sein fingerzeig auf andere zum pistolenlauf gegen sich selbst.
er hört auf, sich selbst auszugrenzen.  
er vernimmt die schreie von der straße.
wie sie sich erhöhen über die anderen. jeder in seiner wahrheit taumelt, tobt und wächst.
seit er seine dunkle seite kennt, fühlt er sich ganz. beide hält er zu gleichen teilen in seinen händen.
beide gleich schwer, beide gleich leicht.
wenn das gebrüll von der straße verebbt, geht er zum fluss und hält seine finger ins strömende wasser.
in der nacht, eine stille wie vorm ersten schnee.
ein himmel, der sich weich auf die erde legt.
 
Gabriele Pflug

sommer


in die luft wachsen schmetterlinge
und eine milde leere
wölbt ihre blaue kuppel
über den tag

kein wind stört die trägen wälder
in ihren tiefen halten sie
den atem an um zu hören
wenn der regen kommt
 
Gabriele Pflug

sommerbild


glut rollt in senken, an ufern
brennt wüstenfarbig durst

die haut der bäume liegt wund im sonnenwind

hörst du das wasserwort?
nachts perlt es
in träumen aus dunst
 
Gabriele Pflug

wörter


verhüllen die schatten
spenden den träumern licht
manchmal finden sie sich
zu einem kleinen gedicht
unscheinbar, ein tropfen
in dem erinnerung schimmert
 
Gabriele Pflug

worte über worte


I

wir gehen mit den worten schlafen
und träumen von ihnen
ankert eines im himmel

II

aus dem gebirge stiegen sie
die luft war klar und schnee brach
von den flanken

die erde bebt, sagten die einen
andere hörten nicht einmal
den wind

wispernd kamen sie
in allen schattierungen
über dich

und du erblühst
wie von sinnen
im luftwirbel des worts
 
Gabriele Pflug

Alpha und Omega


Lichter entlang des Flusses
bewohnt Luft die Erde
zwischen den Welten
zu Wasser und Land
ein Zittern
von Millionen Molekülen

Wie hinter Passepartout
der Gedanke:
In jedem Anfang keimt das Ende
 
Gabriele Pflug

Weithin ruhendes Land

Die Sterbebarken führen Licht
den Fluss entlang.

Am Ufer bricht ein Ruf
das Schweigen.

Bepflanze
die Ränder neu!


Gabriele Pflug

Überschrift: noch unbekannt



Sie werden wieder gehisst:
Flaggen falscher Hoffnungen
peitschen uns
in einen unbekannten Frühling.

Die schläfrigen Mittage
rücken in weite Ferne.

Du versuchst Haltung zu bewahren.
Nur so verlierst du vielleicht
nicht den Blick auf dich.
 
Gabriele Pflug

Abendbild

Letztes flackerndes Grün
eine Frau auf dem Feldweg
ruhelos, diese jähe Stille.

Etwas stemmst du
immer der Zeit entgegen:
Verse, Vogelstimmen, gesummte Töne.

Gibt es sie noch?
Landschaften, die du schreibend erkundest.
Weggabelungen, die wie Sternbilder gelesen werden.

Mondfarbige Nächte und der Wind
ein seidener Fächer, der sich
über den aufkommenden Abend öffnet
.

 
Gabriele Pflug
 
 

Morgenbild


Hartes Licht zeichnet ein Bild in den Morgen.
Kältestarre. Die Hände sind noch zu nichts

zu gebrauchen.
Nur die Augen nehmen sich ein Herz und formen Gedanken.

Morgenstund ohne Gold.
Im Mund ein schaler Geschmack

kommender Verpflichtungen.

Was weiß ich eigentlich über die Trägheit

eines Nachmittags:
An dem die Luft lind, der Atem leicht
und der Wald sich lichtete, weil ein Erzengel

schwarz und schwer
aus dem Tannicht stieg.

Gabriele Pflug

Wald


Ich möchte nicht anders leben
als mit dir im Rücken
die wiegende Bewegung
bewohnt meinen Schlaf
und ich träume in deinen Gezeiten
das Wort der Dichter bleibt
an dich gerichtet auch wenn du
längst Beute von Zahlen wurdest

Verse sind unsterblich
sie wachsen dort
wo kein Gras mehr
den Boden berührt

Bäume
meines Gedächtnisses
unsichtbar ruft euch
der dunkle Wald

Gabriele Pflug

Gepresstes Ahornblatt

Wir bestaunen den abgestürzten Mond
und gehen grußlos an Bäumen vorbei
an den dichten Schatten ihrer selbst

Verzückt steht ein Künstler
vor seiner schwarzen Leinwand
übt sich in Strichen und Punkten
hat vergessen, was in alten Versen stand
vergessen, auf eine Welt, die kurz erblüht
im leichten Licht grünender Knospen

Spurenleser sind längst ausgestorben
ihre papierenen Rollen verschollen

Manchmal findet jemand zwischen
zwei Gedichtseiten ein gepresstes
Ahornblatt, fein beschrieben
nach seiner Herkunft, seinen Vorlieben
und wie es sich nach dem Wind richtete
der ihm übers Haar streifte, zaudernd


Gabriele Pflug

Für meine Mutter


die Tür geschlossen
die Faust ebenso der Mund
keiner kommt über die Schwelle
aus dem Wald weinen dünne Stimmen
und du übst den Refrain

nur noch eine Ahnung abgestorbener Tage
wie Wochen aus halbem Atem
halb Leben halb Tod
hörst du manchmal ein Ticken
aus dem Hohlraum im Feld
 
Gabriele Pflug

Lesen

/für Ule/

ganze Welten strömen ans Ufer
wenn ich ein Buch öffne

Gabriele Pflug

JULIE/XII

XII

Das letzte Bild.
Julie sitzt auf ihrer Parkbank im Prater.
Sie ist alt. Ob noch Blumen blühten, kann ich nicht erkennen. Sie hat ein Dirndl an, darüber eine grobe Jacke.
Nora ist schon so viele Jahre tot. Karli ist vor einigen Wochen gestorben.
Sie sitzt da wie ein verlorener Vogel, der den Abflug in den Süden verabsäumt hat.
Ich nehme geräuschlos neben ihr Platz. Sie bewegt sich nicht sondern seufzt tief.

War alles eine Plackerei. Hier wie dort. Kohlen vom Keller in den vierten Stock schleppen, Teppiche zum Ausklopfen runter tragen und wieder rauf. Zwei Kriege überleben müssen und dann deine Liebsten verlieren. Hoffentlich hat alles bald ein End mit mir. Niemand ist mehr da.
Ich war doch immer die der anderen. Gehörte nie mir selbst. Hätte es auch gar nicht anders gekonnt.
Ich wäre verloren gewesen und hätte gebettelt, die sein zu dürfen, die dient.

Sie dreht sich zu mir und fragt: Und du?
Die Frage überrumpelt mich.
Ich lebe so anders als du. In meiner Welt haben wir zu viel von allem. Nur die Sprache wird immer weniger. Wir denken in Passwörtern, Codes und schreiben in abgekürzten Wörtern.
Wir glauben, damit Zeit zu gewinnen, Worte, Melodien, Klänge zwischen zwei Buchstaben einzupferchen.

Nein, da möchte ich nicht leben, sagt sie, euch fehlt die Seele.

Ich möchte mit Julie noch eine Weile hier sitzen bleiben, der Sonne das Gesicht zuwenden und ein wenig schweigen.
Und sie könnte gesagt haben: Für solch einen Schnickschnack habe ich keine Zeit. Die Herrschaften brauchen mich.

Genau hier werde ich sie verlassen. Das ist beschlossene Sache.


Gabriele Pflug

JULIE/XI


XI

Ich spüre, wie unsere Zeit endet.
Eine alte Aufnahme ist mir noch in die Hände gefallen.
Es ist ihr letzter Besuch bei der Schwester. Das Bild ist etwas verschwommen.
Sie steht beim Fenster und schaut in den Garten hinaus. Dort steht der Photograph, ich nehme an, es war mein Vater.
Ich trete in ihren Blick.
Was ist mit dir, Julie?
Diese Müdigkeiten, die gottverlassene Welt.
Schwer stützt sie sich am Fenstersims ab. Schwer sind ihre Augen.

Karli hat Leukämie. Er liegt im Spital. Man lässt sie nicht zu ihm. Man fürchtet um ihre und seine Nerven.
Wahrscheinlich hätte sie laut zu beten begonnen.

Gabriele Pflug


JULIE/X

X

Ich warte auf sie.
Weder zwischen den Zeilen in den aufgefalteten Briefen noch auf ihrer Lieblingsbank im Prater kann ich sie finden.
Ich sitze beim Schreibtisch und spiele mit einem Briefbeschwerer.
Julie, weißt du noch?
Den hat dein Mann meinen Großeltern geschenkt. In der Glaskugel sind filigrane mundgeblasene Blüten eingeschlossen.
Heute noch beschwert er die Weihnachtspost und die Glückwunschkarten meiner Mutter.
Scherben bringen Glück. Hat er das zu dir gesagt, als ihr geheiratet habt?
Er, der Glaserer, der wunderzarte Kunststücke herstellte und im Leben einer war, der alles zerbrach und zum Zersplittern brachte.

Stimmen lenken mich ab. Eine besonders. Ich kenne sie aus den Büchern, aus den Dokumentationen.
Sie füllt ganz Wien. Ganz Österreich. Sie brüllt sich heiser, bis der Chor einfällt und eine Hymne anstimmt, die zum Himmel schreit.

Sag Julie, wie war dir da?
Du hast dich nicht dazu geäußert. Obwohl dein Schwager, mein Großvater, um ein Haar ins KZ Mauthausen gekommen wäre, weil er im Wirtshaus Hitler beschimpfte. Und deine Schwester, auf Knien rutschend vor dem Ortsgruppenleiter, um sein Leben bat. Die Strafe lautete dann Front und die älteste Tochter, deine Nichte, wurde zum Nachrichtendienst einberufen.
Du hast sicher davon erfahren. Warum kein Wort des Bedauerns? In irgendeinem Brief. In irgendeiner Geste.

War dein Herz schon so schwer, weil der Krieg deinen Karli fast verschlang? Weil dein Mann im Bombenhagel ums Leben kam?
So viel Tod rings um dich, dass das Herz überging.
Ich glaube, ich verstehe jetzt.

Klein und gebeugt steht sie im Türrahmen in ihrer Wiener Wohnung.
Verzeih mir.
Sie winkt ab.
Lass es sein. Wer kann jemals verstehen.


Gabriele Pflug

JULIE/IX

IX

Ich bekomme eine Postkarte aus Venedig.
Venedig sehen und sterben, schreibt sie mit ungelenker Schrift und unterschreibt mit Juliane.

Nora, in die Jahre gekommen, kränkelt.
Das Kind geht mir immer noch zu, sagt Julie stolz.
Das Kind ist kein Kind mehr, Julie, es ist ein junger Mann. Bald wird er ausfliegen und seine eigene Biografie verfassen.
Papperlapapp, niemand bügelt seine Hemden so fein, niemand liebt ihn so wie ich.
Außerdem. Ich mag es nicht, wenn du dich so in mein Leben drängst. Geh weg.


Gabriele Pflug

JULIE/VIII

VIII

Ich lausche ihrer rauchigen Stimme. Bei manchen Wörtern kippt sie ins Harte. Wenn sie mein Mann sagt oder bissig vom Land, wo die Zitronen blühn spricht. Moro-Ribul heißt sie jetzt.
Ich hole das Hochzeitsphoto aus der Schublade.
Lange betrachten wir es. Er, im schlecht sitzenden Anzug, sie, in einem einfachen, dunklen wadenlangen Kleid.
Mit der einen Hand hält sie ihren Hut, als würde sie einen Luftwirbel spüren.
Beide schauen ernst in die Kamera.
Sie hakt sich bei ihm ein. Wie teilnahmslos hängen seine Arme runter. Die rechte Hand leicht zur Faust geballt.
Siehst du das, Julie, flüstere ich und streiche über die Photographie.

Julie steigt aus dem Bild. Lässt ihn dort alleine zurück.
Das Kind brauche sie, die Gnädige fühle sich nicht wohl.
Er geht nicht in die kleine Wohnung, lieber treibt er sich am Alten Markt herum.
Immer dieses Gescherr mit den Weibern, sagt der in Italien geborene, seit Jahrzehnten in Wien lebende Glaserer.


Gabriele Pflug

JULIE/VII

VII

Es gibt eine Photographie von ihr, da ist sie um die Dreißig.
Die gnädige Frau hat sie sicher dazu überredet, zum Photographen zu gehen.
Sie hat ihr dunkles, gewelltes Haar hochgesteckt und trägt eine lange Perlenkette, die ihr Nora geborgt hat.
Um die Schultern schmiegt sich ein durchsichtiger Seidenschal.
Ihre Gesichtszüge sind fein und regelmäßig. Der Schimmer eines leisen Lächelns liegt über dem Bild.
Sie ist sehr schön. Sie sieht aus wie eine von ihnen.

Nora ruft: Beeile dich. wir gehen zum Heurigen. Wir haben eine Überraschung für dich.


Gabriele Pflug

Julie/VI

VI

Seit Tagen regnet es. Julie ist gereizt. Das Kind zappelt.
Ihre Mägen knurren.
Sie schubst mich an: Du stehst nur rum und machst nichts. Streich das Wort Krieg durch und schreib Frieden drüber.
Das tu ich dann auch.


Gabriele Pflug

JULIE/V

 
V

Nora, die gnädige Frau, lässt Julie mit dem Kind nicht mehr in den Park spazieren gehen.
Sie zittert unentwegt. Auf den Straßen herrscht der Pöbel. Angehörige fremder Nationen werden beschimpft und tätlich angegriffen.
Wien hat über Nacht seine Gemütlichkeit verloren, die feinen Damen tragen jetzt Pflegerinnenhauben, grübelt Julie.
Seine Gemütlichkeit, spotte ich. Julie zuckt mit den Schultern.
Sei still, du lebst in einer ganz anderen Zeit. Es steht dir nicht zu, mich zu belehren.

Julie hört von Entlassungen von Kinderfrauen in den bürgerlichen Haushalten.
Nora beruhigt. Julie atmet auf.
Nora verbietet jede Art von Nachrichten aus dem Krieg. Es reicht, was vom Trottoir herauf gebrüllt wird.

Julie fährt zu ihrer Schwester. Die Anreise dauert fast einen halben Tag. Sie hat nichts mit außer einem leeren Rucksack.
Sie hamstert Schweineschwarten, Erdäpfel, Rüben.
Am nächsten Morgen bricht sie zeitig auf.

Ihre Familie wartet schon. Sie kocht aus den Schwarten Knödel.
Nora fällt ihr um den Hals und weint.
Wir schaffen das, gnädige Frau, sagt Julie und fühlt sich unbesiegbar.
Doch der Hunger bleibt nicht ganz aus und auch die Kälte nicht.

Am Abend schleiche ich zu ihr in die Kammer.
Ich könnte das nicht, flüstere ich, um die anderen nicht zu wecken.
Julie zieht die Decke bis ans Kinn, man sieht die Atemfahnen.
Ich habe keine Zeit fürs Nachdenken. Diesen Luxus hast du. Ich hingegen sinniere darüber, wo ich Kohlen und Gemüse herbekomme. Es ist schon spät. Um vier Uhr muss ich aufstehen. Gute Nacht.


Gabriele Pflug

JULIE/IV

IV

Dann sehe ich sie wieder.
Sie ist mit Karli, dem Kind der Herrschaften, unterwegs. Er ist ein Jahr alt und sie beugt sich über ihn, als wäre sie seine Mutter. Sag Mama, bettelt sie.
Vorsichtig schiebt sie den Kinderwagen über die Kieswege im Prater.
Der Tag ist sehr hell. Sie lächelt die gesamte Strecke. Das Kind schläft. Immerzu möchte sie summen.
Karli wächst in einem raschen Tempo. Und ihr ans Herz.
Ich glaube, sie ist glücklich.

1914 ist sie zweiundzwanzig. Karli bald fünf.
Sie rennt kopflos durchs Haus. Die Gnädige hat einen Schreikrampf bekommen.
Wohin mit dem Schmuck? Wo Zucker, wo Schmalz bekommen, in dieser schwierigen Zeit?
Die Welt ist verrückt geworden. Sie drückt den Buben alle paar Minuten an sich.
Jetzt nur nicht überschnappen, Julie, schärft sie sich ein.

Zwei Jahre später stirbt der Kaiser. Durch Wien geht eine Erschütterung.
Julie ist mitten im Krieg.


Gabriele Pflug

JULIE/III

III

Ich gehe ihr nach. Steige in den Zug ein, in die Franz-Josefs-Bahn. Sitze neben ihr, auf der harten Holzbank und wir werden durchgerüttelt, dass die Zähne klappern.
Für Wien muss ich mich erst einlesen. Über den Kaiser, das Leben der kleinen Leute um die Jahrhundertwende.
Julie ist blass. Sie starrt in die vorbeiziehende Landschaft hinaus.
Ich möchte ihr gerne über den Arm streichen. Julie zieht ihn näher an den Körper. Faltet die Hände im Schoß.
Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir unterwegs sein werden.
So viel Zeit für so viele Gedanken. Keinen einzigen werde ich je erfahren.
Im Spiegelbild des Zugfensters vermeine ich zu erkennen, dass ihre Unterlippe leise zittert.

Am Bahnhof in Wien verliere ich sie aus den Augen. Es ist ein Gedränge von Menschen mit Schirmen, Koffern und Kisten.
Es riecht unangenehm nach Urin, nach faulendem Unrat.
Mir wird übel. Muss mich setzen. Ich weiß nicht, was gerade geschieht.


Gabriele Pflug

JULIE/II


 II

Letzte Handgriffe sind vor der Abreise noch zu erledigen. Die Fenster putzen, Wäsche zusammenlegen. Im Keller Ordnung schaffen. Platz machen für die Erdäpfelsäcke, die schon jemand anderer mit der Mutter runterschleppen muss.
Julie hastet an mir vorbei. Etwas murmelt sie. Ich verstehe nicht.
Jetzt rieche ich auch den kommenden Regen. Gleich schlägt der Blitz ins Eichenwäldchen ein.

Julie sieht mich an.
Wer bist du, fragt sie und hält den Kopf schief, um besser zu hören.
Ich überrage sie. Leicht gehe ich in die Knie.
Du bist meine Großtante. Ich bin die Kleine, die damals durchs Schlüsselloch schaute, weil ich neugierig war.
Es ist mir heute noch unangenehm, darüber zu sprechen.
Julie lächelt nicht. Ihr Gesicht bleibt ausdruckslos. Das macht mich befangen. Ich beginne mich zu schämen.
Irgendwo summt eine Fliege. In der Stube herrscht stickige Luft.
Julie atmet schwer.
Was tust du hier?
Ich erzähle deine Geschichte nach, so wie sie gewesen sein könnte.
Jetzt lächelt sie. Schiebt ihre Unterlippe ironisch vor.
Sie hat graue Augen. Sie flackern.
Jetzt tanze ich sozusagen nach deiner Pfeife. Du schreibst, wie du es gerne sehen möchtest. Ich bin deinem Wort ausgeliefert.
Sie dreht sich um und verschwindet hinter der Tür.
Verunsichert bleibe ich zurück.
 
Gabriele Pflug

JULIE/I


I


Das Ehepaar hatte sie gesehen, als es auf Sommerfrische im Dorf war.
Der Mann besaß ein Damenbekleidungsgeschäft in Wien und beschäftigte zehn Angestellte. Seine Frau gestaltete ihrem Gatten das Leben so, wie er es sich wünschte, wenn er abends nach Hause kam und sich Ruhe und Erholung ausbat.
Julie, an die fünfzehn Jahre jung, lief wahrscheinlich, von der Heuernte kommend, den Feldweg entlang.
Beim Kreuzstöckl, das von einer ausladenden Buche beschirmt wurde, könnten sie sich das erste Mal begegnet sein.
Im Schatten des Baumes stand eine Holzbank, auf der sich die feinen Damen aus der Großstadt von ihren Spaziergängen gerne ausruhten.
Julie könnte einen kurzen Blick auf sie geworfen haben. Die Haare verschwitzt unter einem Tuch verborgen. Trotzig der Mund, mit leicht vorgeschobener Unterlippe.
Sie hat keine Zeit, sich über so viel Feinheit zu wundern. Sie muss heim. Die Mutter wartet schon mit einem Berg Wäsche, die im nahen Bach gewaschen werden muss. Bald wird es regnen. Die Wäsche soll noch antrocknen.

Julie wird der Dame mehrmals auf diesen Wegen begegnet sein. Die Äcker meiner Urgroßmutter lagen weit verstreut um den kleinen Hof. Einen Mann gab es keinen mehr im Haus. Julies Vater war jung an einem Lungenleiden gestorben. Da war sie fünf Jahre alt gewesen.
Den ganzen Sommer über musste sie morgens die Kühe auf die Weiden treiben und gegen Abend wieder nach Hause holen.
Die Damen machten währenddessen ihren Schönheitsspaziergang. Die Luft strich so lau und würzig von den Heumandeln her. Die Sonne stand schon tief und der helle Spitzenschirm schützte vor der restlichen Sommerglut.

Wie heißt du, könnte sie an solch einem ausklingenden Tag gefragt worden sein.
Julie, wie der Sommer, aber mit langem i.

Gegen Ende der Saison klopften sie ans Hoftor.
Es ginge ihm gut bei ihnen, dem jungen Ding. Ein Esser weniger. Madame sei in guter Hoffnung. Die Mutter solle es sich überlegen.
Und die Mutter, die das Ehepaar schon vom Vorjahr her kannte, überlegte nicht, sondern stimmte sofort zu. Als hätte sie darauf gewartet, dass wenigstens ein Kind aus der Armut befreit werde.

Die jüngere Schwester hilft packen. Sie lässt sie nicht mehr aus den Augen. Immer berührt sie die Große. Lehnt sich abends an sie und sagt: Du fährst in die große weite Welt. Nach Wien. Dort wird das Tor ins Leben aufgestoßen. Du wirst den Kaiser sehen, in Parks spazieren gehen und ein schönes Gewand anziehen. Dort schmeckt sogar die Luft anders.
Fanny, die Jüngere, hat rote Ohren bekommen. Julie schweigt.

Ich stehe im Türrahmen. Höre ihnen zu. Ich möchte Julie fragen, was sie jetzt gerade fühlt. Suche in ihren Bewegungen nach einer Antwort. Aber ich höre nur Fanny plappern. Ein wenig altklug, finde ich.

Julie, flüstere ich, als sie an mir vorbei geht. Sie bleibt stehen. Das Handgepäck ist leicht.
Ach ja, seufzt sie und wendet den Blick lange nicht von ihrer Schwester.
 
Gabriele Pflug

Vater


Klein, gedrungen geht er die Straße entlang. Ein wenig schlenkert er. Seine Knie machen nicht mehr mit. Wahrscheinlich schmerzen sie ihn in diesem Augenblick.
Der Asphalt ist trocken. Es ist Frühling. Seine Jacke, die er offen trägt, flattert an den Enden um seine Hüften.

Ich stehe beim Fenster und sehe ihm nach. Er hält inne, wendet leicht den Kopf, als habe er etwas vernommen.
Ich jedoch höre nichts. In meinen Ohren rauscht es dunkel.

Unmittelbar sehe ich, wie ich ihm nachblicke.
Ich sehe mich ihn sehen. Wie eine Wand baut sich Stille auf. Sie ist wie hellster Schnee.
Fast hat er das Hauseck erreicht, hinter dem er gleich verschwinden wird.
Noch nehme ich die Hälfte seines Körpers wahr, ein Bruchstück seiner Hände, seine Füße, den Kopf mit schütterem Haar.

Dann erfasst mich ein Gefühl mit aller Macht: In diesem Moment nehme ich der Trauer schon einen Teil vorweg. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn er nicht mehr zu sehen ist.

Wenn er für immer gegangen ist.
Gabriele Pflug

Alltagsgeschichten

Plötzlich erinnere ich mich an die Engel in der alten Kirche. Wie sie mit abgefallenen Flügeln über den Gebeten der Besucher kauern. Ihr Blick, nach innen gerichtet. In die marmornen Hautfalten frisst sich schwarzer Staub.
Im Glockenturm leben Fledermäuse. Eine Treppe führt zu ihnen hinauf. Manchmal seufzen die Holzbänke, knarrt die Empore. An den Heiligenbildern blättern die Farben ab. An irgendeiner Holzvertäfelung habe ich als Kind den Buchstaben meines Vornamens mit dem Daumen eingeritzt. Ich dachte damals, Gott würde sich zeitlebens dadurch an mich erinnern.


Gabriele Pflug

Nachtgeister

Nachts bewege ich mich in tiefschwarzen Gewässern. An meiner Seite winselnde Wörter, Fragen, die das Wasser in Unruhe versetzen.
Immer wieder der Versuch, einen sicheren Ankerplatz zu finden. Vergebliches Bemühen, das Ufer zu erreichen.
Immer nur endloses Rudern auf einem Blatt voll Tinte.


Gabriele Pflug

Alltagsgeschichten


Durch ihre Finger glitten die Perlen des Rosenkranzes, während draußen der Tag in den Abend fiel.
„Schließ die Tür, Kind, damit die Engel nicht im Zug stehen. Ihre Kleider sind durchsichtig."

Sie war nicht mehr ganz klar im Kopf. Schon seit Monaten wiederholte sich die gleiche Handlung.
Manchmal legte sie Äpfel für die Heiligen auf das Fensterbrett.
Bekümmert stellte sie fest, dass sie kein Verlangen danach hatten.
Sie schluchzte herzzerreißend in ihr Ave Maria.

Daraufhin begannen mein Bruder und ich die Früchte noch spät abends aufzuessen und ließen die Apfelputze als Zeichen des Dankes liegen.
Ein seliges Lächeln der Tante war unser Lohn.
Die Anzahl der Äpfel verdoppelte sich. Ihre Freude über den Appetit der Heiligen überschlug sich regelrecht.

Ein schnelles Ende fand die Geschichte, als mein Bruder nachts eine schreckliche Bauchkolik erlitt und eilends ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Kurze Zeit später starb sie im 95. Lebensjahr.
Statt eines Kruzifixes legte ich ihr einen Apfel in die gefalteten Hände.
 
Gabriele Pflug

Portraitskizze einer Unbekannten


Das Bild sehe ich nur kurz. Im Vorbeigehen. Es liegt, achtlos in einen Plastiksack gesteckt, zuoberst auf einem Packen Schwarzweiß-Photos.
Wahrscheinlich ist diese Aufnahme einige Jahre nach dem Krieg gemacht worden.
Es ist, als würde sie über meine Augen gezogen werden. In Zeitlupe.
Diese Weite, eine Wiese und ein Himmel. Dazwischen die junge Frau.
Es ist Frühling. Das Gras noch ermattet, gelblich gefärbt. Der lange Winter hat es in Mulden gedrückt.
Zwischen Himmel und Feld scheint ein mit einem Bleistift gezogener Strich zu verlaufen.
Eine leichte, leise Bewegung des Winds hat den Mantel zur Seite geschoben und gibt die Sicht auf eine schmale Taille und schöne Beine frei.
Sie trägt einen knielangen Rock, Seidenstrümpfe und festes Schuhwerk.
Lachend blickt sie in die Kamera und in diesem Ausdruck beginnt der Frühling anzuheben.
Wach und offen ist ihre gesamte Geste. Freude umspielt ihren Mund. Ein zarter Hunger, eine Gewissheit, dass alles zur Blüte kommen werde, versprechen ihre Lippen.
 
Gabriele Pflug

In Memoriam Monika Kafka


Wir trinken
den bitteren Saft aus der Abtei der Erinnerung
wo die Äbtissin den Gesang des Mondes in die Gärten
streut mit ruhiger Gebärde die Zeit
zum Stillstand bringt
und jedem Sterben
zur Auferstehung läutet
 
Gabriele Pflug

Baum, schönster


Baum/schönster aller Schönen/streifst für mich den Himmel/ reichst mir deine wortreichen Blätter/und bleibst hell/selbst in wacholderblauen Nächten/leuchtet dein grünes Licht/in meinen Schlaf.
 
Gabriele Pflug

gedankensplitter


wortlos wendet sich
das gedicht nach innen
wächst nun der buchstabe

Gabriele Pflug

Vergänglichkeit


Die Zeit geht ein und aus
so wie mein Atem Glas
beschlägt und trübt

Es wird nicht leichter mit den Wintern
bricht die Haut mehr und mehr
verschwimmen Stimmen aus der Nacht herüber

Im Zimmer rücke ich den Stuhl zurecht
und bücke mich nach einem Faden Licht
der durch den Türspalt rinnt
 
Gabriele Pflug

Schlaf


nachts, wenn niemand auf dich aufpasst, du dich für Stunden loslässt und dennoch atmend am Leben hältst. du schweigst während der Nacht schlägt dein Herz ohne dein Wort. Wolken ziehen über deinen Schlaf. die Stirn des Himmels berührt die deine. du bist ganz Sein in den Stunden der Dunkelheit. alles geschieht für eine Weile ohne dein Zutun liegst du offen und bedingungslos still. Schwärme von Erinnerungen streifen dich wie zufällig regt sich ein Zeichen, verblasst. nur ein Aufglimmen von etwas, was im selben Augenblick ins Nichts zerfällt.
wir öffnen die Augen und schließen sie, bevor wir wirklich gesehen.
 
Gabriele Pflug

Wie lange


erträgt die Geduld des Papiers die harten Striche. Punkte, die ins Innerste bohren.
Buchstaben wie Speerspitzen.
Brandsätze, die Seiten verbrennen.
Wann brennen die nächsten Bücher?
 
Gabriele Pflug

Fremde Welten


Helle Gezeiten schlagen an dein Ohr
auf die Haut zeichnen Sternbilder

fremde Welten

Du berührst den Tag jetzt leichter
bei so viel Weite um dich herum
 
Gabriele Pflug

Die Nacht geht an

deine Gedanken sind näher
bei dir abseits des Lichts
tastest du anders nach den Dingen
dem Stuhl und Tisch entlang der Wand
fühlst du deine Angst indes dein Körper altert
mit jedem Schneefall werden die Ränder heller


Gabriele Pflug

Poesie der Natur VI


Weidenwuchs am Saum des Wassers
wohin der Schlaf mich führt
der Mond die Wellen kräuselt
pflücke ich Schneeblüten
aus eisiger Luft ist die Welt
verfangen im Geäst einer Januarnacht

Gabriele Pflug

Weiße Wildnis, nachts


nimmt erneut Schnee
Felder und Wiesen ein
erblindeter Mond und ich
nichts als blaue Schatten
auf vergänglichem Terrain
 
Gabriele Pflug

Einfallender Abend


Wolken fließen
in die Mündung des Abends

schlägt eine Glocke
hell den Ton

und in dir zerspringt
gläsernes Schweigen
 
Gabriele Pflug

Kind und blaues Pferd inmitten einer Winterlandschaft


hörst du nicht manchmal
das Kind und sein blaues Pferd
vom Schneehügel kommen

sag nicht
du seist schon erwachsen
und könntest sie nicht erkennen

die Zeit hat dich taub gemacht
doch die leisen Töne schlafen
zwischen den Kristallen
bis zur Kältewende

leg dein Ohr an die Schneehaut
atme stiller als die Stille
die aus dem Damals weht
im Winterwind warten sie

und blau und wild jagt
das Pferd unter dem Januarmond
 
Gabriele Pflug