Alle Tage einer Woche- Dienstag

für A

Wie der harte Wind
der einen Vorwand sucht
in dein Haus zu gelangen
stellst du falsche Berechnungen an
für die männliche Kraft deiner Worte

Und dich
und deine eingeübten Atemzüge
durchstreift die Kälte
des immerwährenden Verlusts
genau hier
an diesem ganz besonderen Morgen
eines schwebenden Lichts



Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche - Montag


für M

Du weißt um die Kälte
der Endlichkeit beim Betreten der Nacht
du kannst nicht weiter gehen
als die Berechnung ergibt

jedem seine Schrittzahl

auf Bitten um Verlängerung
reagiert man gelassen bis taub
 
Gabriele Pflug

was wäre


wenn du aus deinen erzählungen schlüpftest
aus den versuchen
eine sprache für deine herzschläge zu finden
die du blind verstehst
für einen moment der gedankenlosigkeit
würde der himmel dich
nicht mehr bedrängen
die formel zu suchen
die dein leben ausmacht
in seiner weite und enge
kein klagen kein sehnen
mitunter nur ein schauer von glück

Gabriele Pflug

vom verschwinden II

des schnees

ein überwinterter gedanke
eiswort für jahrtausende
als lied eingefroren
unter dezembererde
unter ungespurtem schnee
so viel an schweigen
wie der mensch braucht
um neugeboren zu werden



Gabriele Pflug

vom verschwinden I


der frösche


aus ihren verstecken
aus gewässern
aus augen ohren
die sommer die bäche die gräser
abends
das herzstück der ufer
tonlos lautlos spurlos
 
Gabriele Pflug

erinnerungsschnipsel


die rückkehr zu papier
dem geruch nach früher
es war einmal
ein altes kind mit großen augen
und ein nachmittag
voller regen

Gabriele Pflug

wir gehen durchs leben


wir gehen durch städte
ihre geräusche im rücken
stimmen aus den parks
das herz als seismograph
der erschütterungen
wenn jemand auf halber strecke
verloren geht ohne abschied
wenn wir weinen

Gabriele Pflug

gedankenskizze II


der honigflug der bienen. waldlichtungen an wasserstellen.
lindes grün und leichter flügelschlag der farne.
da wusste die welt noch nichts von den kommenden menschen, die die ufer besiedeln werden.
wenig freundliches im blick, mit ihren großen schritten, die zukünftige grenzen abstecken mit raffenden bewegungen.
noch gab es windspiele und halmgezirpe und im herzen der wölfe dröhnendes gelächter.
noch schlief die blutfarbe der wörter tief und schwer.

Gabriele Pflug

gedankenskizze


der morgen drängt ans fenster.
lichtflirren und staubregen bei jeder bewegung.
anzeichen von wind in den blättern der linde. diffuse helligkeit.
die stille des raums. erhöhter herzschlag.
das beben des baumes.
jemand, der vor dem fenster weint.
 
Gabriele Pflug

im morgendlichen zwielicht


im morgendlichen zwielicht
verstecken sich ungeborene gedichte
vor den fenstern spielen kinder
mit losen enden von reimen

und
langsam langsam
dreht sich das wort
aufs papier
 
Gabriele Pflug

kreidezeit


das noch abwesende:
wörter, kartografierte landschaften
oder sätze wie die liebe sei in allem

doch die schatten erster raubtiere
begannen zu wachsen
bis heute
 
Gabriele Pflug

Barcelona, 17.8.2017


von der welt her wehen
schreie, eine brandung
die an verschlossene türen schlägt
bei jedem schmerzeslaut
stieben sterne auseinander

und die mitternachtsgesänge
aufgeschreckter schwäne
ihr flügelschlag, ein hissendes weiß
gegen den nachthimmel
erhellen kaum die schwarzen tiefen

das engelsgestirn ist verdunkelt
seit wir dem magnetfeld der liebe
den rücken gekehrt


Gabriele Pflug

abendland


die sonnenblume schließt ihr auge
über dem feld atmet ein mond

das land verhüllt
vom schlaf der wälder

du senkst deine stimme
um dein herz
nicht zu beirren
und zwischen hier und jetzt
beginnst du zu träumen
 
Gabriele Pflug

Die Mirzel


(aus: Eine einfache Geschichte)

„Spring“, ruft sie mir zu, schnappt ihren dunklen langen Rock, klemmt ihn geschickt zwischen die Knie und segelt gleich einem braunen Blättchen, das der Wind sanft emporgehoben hat, über den Bach.

Heiß lag der Mittag über Klam, die Straßen schienen sich zu bewegen, einzelne Staubwölkchen hingen wie schmutzige Vorhänge in der Luft, in denen sich die Sonnenstrahlen brachen.
Ich glaubte, die Bäume unter der unerträglichen Hitze seufzen zu hören.

Mirzel, klein, gebeugt, aber zäh, schien der heiße Tag nichts auszumachen.
Mit zwei Kühen und mir im Schlepptau strebte sie zielstrebig diesen Bach an.
Spring.
Den Klang ihrer Stimme habe ich immer noch im Ohr, auch wenn sie schon an die 30 Jahre tot ist.


Im Gegensatz zu ihren dunklen Schürzen hatte sie immer ein weißes Kopftuch auf. Es war im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden und der Zipfel schien gestärkt zu sein.
Wenn sie lachte, wippte er auf und ab, wie der Bürzel eines Schwans.

Gab sie mir einen Kuss, so kratzten mich ihre einzelnen, schwarzen Bartstoppeln und wenn ich merkte, dass es wieder mal so weit war, kicherte ich schon im Voraus und steckte meinen Kopf tiefer zur Brust.
Viel redete sie nicht, ihr fehlten die Zähne und mit zunehmendem Alter schienen sich ihre Lippen nach innen zu stülpen.
Wenn wir mit den zwei Kühen auf der Weide waren und uns auf ein schattiges Plätzchen unterhalb einer mächtigen Eiche zurückgezogen hatten, dann packte sie das Brot aus und begann daran stundenlang zu kauen.
Als ich Jahre später in der Schule von den Hornleisten der Rinder lernte, musste ich an sie denken. Sie saß neben mir wie eine wiederkäuende Kuh und schob den Brei von einer Backe zur anderen.

Sie war die Tochter armer kinderreicher Kleinhäusler, die gleich nach der Volksschule zu den benachbarten Bauern als Dirn arbeiten gehen musste.
Von einem zum andern geschickt, wo gerade viel Arbeit anfiel, wurde sie gebraucht. Nie wurde sie gefragt, sie wurde bestellt.
Rede nicht, arbeite, scheint das Erbe ihrer Eltern gewesen zu sein.
Ich kann mich nicht erinnern, sie einmal jammern gehört zu haben.
Was ich aber heute noch fühle, ist ihr Blick, der auf mir ruhte, die Augen, die beschützend über die Kühe, die Menschen und Wiesen glitten, auch der prüfende Blick in den Himmel, ob nicht ein Gewitter sich überraschend auftürmen würde, hatte immer etwas freundlich Gebendes.

Ihre letzte Bleibe fand sie bei einem Baumeister in Klam, der Schweine und 2 Kühe hielt, um die er und seine Frau sich weder kümmern wollten noch konnten.
Den Luxus, ein eigenes Zimmer zu bewohnen, hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt nie gehabt, bei den Bauern hatte sie mit mehreren Dirnen das Zimmer teilen müssen.
In direkter Nachbarschaft zu meinen Eltern begann sehr bald eine Freundschaft zwischen ihr und meiner Mutter und sie weitete sich auch auf mich aus.
Wenn meine Eltern abends wegmussten, durfte ich bei ihr im Bett schlafen. Sie roch nach Heu und warmem Kuhfell.

Als der Baumeister starb und die Witwe nach Deutschland zurückging, endete auch ihre letzte dienende Stelle.
Sie bekam ein kleines Zimmer gegenüber der Kirche zur Verfügung gestellt. Dort lebte sie noch einige Jahre, stand mit dem Glockengeläut auf und schlurfte täglich auf einen Nachmittagsbesuch zu meiner Mutter.
Als es ihr nur noch schwer fiel, die steile Treppe von ihrer Kammer zur Haustüre zu gehen, brachte ich ihr, wenn ich am Wochenende zu Hause war, Kuchen und Kaffee. Meist lag sie im Bett, immer schmäler werdend, mit spitzem Gesicht und umgebundenem Kopftuch, gleich einem Vogel, dem die Flügel gestutzt worden waren.
Nach einem Schlaganfall kam sie ins Altersheim, wo sie nach kurzer Zeit verstarb.
Es war mitten im Winter, als sie begraben wurde. Der Totengräber musste schon in den frühen Morgenstunden die Schneemassen zur Seite schaufeln, ehe er unter enormer körperlicher Anstrengung den gefrorenen Boden aufbrechen konnte.
Zum Zeitpunkt des Begräbnisses schrieb ich gerade meine Klausur.

Wenn ich heute an sie denke, dann meine ich, sie mit flinken Füßen aus dem offenen Grab klettern zu sehen, wie sie anschließend flugs den Friedhofsplatz überquert und mit einem mächtigen Sprung über den Graben fliegt, der sich zwischen der Friedhofsmauer und dem angrenzenden Wald auftut.


Sie trägt ihr Haar offen.
 
Gabriele Pflug

/weil erinnerungen bleiben/


am abend, wenn die zeiger unruhig laufen, macht er sich auf den weg.
der mond dringt bleich durch die wolkenritzen. die straßen glänzen wie nasse bänder,
die auf hügeln abgelegt, ein seltsames muster ergeben.es hat geregnet und er bemerkt es erst jetzt. es riecht nach regenwürmern.

hier irgendwo muss sie sein.

vor kurzem war er ihrem gesicht sehr nahe gewesen. aus dem mund roch sie schlecht. es hatte ihn wütend gemacht, wie sie dastand, stumm und ausdruckslos. 
unfreundlich und rücksichtslos ist diese art des besuchs, schrie er ihr entgegen.
ich brauche zeit, um mich vorzubereiten.

seine freunde, die um ihn standen, hatten beschämt zur seite geblickt.
pssst, nicht so laut, hatten sie geflüstert, füge dich.

dabei überschlugen sich ihre stimmen vor eifer. so wähnten sie sich in sicherheit.
es würden nicht zwei oder drei an der zahl sein, die sie im auge habe.
nur ihn hatte sie im blick. fest und schwarz.
aber sein heiseres kreischen hatte geholfen. sie verschwand geräuschlos.

er blickt empor.
der himmel in rosa getaucht. zwischen flamingowolken schwebt ein flugzeug mit ausgebreiteten armen. es zieht seine schleifen, ruhig und getragen.

ihm ist seltsam heiß. so, als würde er brennen. jetzt an einer kühlen glaswand stehen, in die nacht starren und auf jemanden warten.
eine hand ergreifen und nicht mehr loslassen.

er dreht sich um. die stelle, wo er losgegangen ist, verliert sich im orangefarbenen nebel der herbstlaternen.
wolken und sterne lösen sich in seinem seufzer auf. schon schlägt der puls unregelmäßig und verliert sich im wind, der über die wiesen anhebt.  er erblickt die schatten der bäume. sie sprechen tief. dröhnender bass jedes wort. 

sie lehnt am stamm des letzten baumes.
er hebt die hand. ein streichholz in der weite des himmels.
die andere hand hält er vors herz.
gleich wird es reißen, denkt er.

(für k. v.)


Gabriele Pflug

zu gleichen teilen


je mehr er sich gegen grobes und lautes abschottet, entsteht in ihm grobes und lautes.
das gute in ihm wird zur falle. sein fingerzeig auf andere zum pistolenlauf gegen sich selbst.
er hört auf, sich selbst auszugrenzen.  
er vernimmt die schreie von der straße.
wie sie sich erhöhen über die anderen. jeder in seiner wahrheit taumelt, tobt und wächst.
seit er seine dunkle seite kennt, fühlt er sich ganz. beide hält er zu gleichen teilen in seinen händen.
beide gleich schwer, beide gleich leicht.
wenn das gebrüll von der straße verebbt, geht er zum fluss und hält seine finger ins strömende wasser.
in der nacht, eine stille wie vorm ersten schnee.
ein himmel, der sich weich auf die erde legt.
 
Gabriele Pflug

sommer


in die luft wachsen schmetterlinge
und eine milde leere
wölbt ihre blaue kuppel
über den tag

kein wind stört die trägen wälder
in ihren tiefen halten sie
den atem an um zu hören
wenn der regen kommt
 
Gabriele Pflug

sommerbild


glut rollt in senken, an ufern
brennt wüstenfarbig durst

die haut der bäume liegt wund im sonnenwind

hörst du das wasserwort?
nachts perlt es
in träumen aus dunst
 
Gabriele Pflug