alle tage


nur feld sein auen und sümpfe
hohlzahnteppich und lärchenduft
lichtleicht und lufthell
flirren flügel ins gold der luft
steigt und sinkt der tag
ohne schrecken und grün
bis hinter beide ohren ein leben lang
 
Gabriele Pflug

an das schlafende kind


dein atem streift den himmel
in deiner sprache wohnen
seite an seite wolf und mensch
auf blühenden wiesen
in den mulden der wörter
spielen mond und sterne fangen
noch liegt fröhlichkeit
auf deiner lichten Insel
vor anker

Gabriele Pflug

grüne tage


hebt der garten an den atem
schlägt das unterholz wellen. nachts

flüstert der fliederbusch gedichte
für die gehörlosen dieser tage

wuchern viele namen, atemlos
in die hände der gärtner

es ist angebracht, wieder vom hellen
herz zu sprechen in dieser wildnis

sagt es sich leicht: licht und blatt
im windspiel des mondes

meldet das erdreich sich zu wort
 
Gabriele Pflug

heimweh


nach meinem dorf
nach dem herzgebinde alter frauen
wenn sie von tanzabenden erzählten
von ihren bauschigen seidenkleidern
und den haarnadeln mit perlmuttknöpfen
wochentags in kittelschürzen gehüllt
bliesen sie durch die zähne und wiesen
ihren männern den weg zu den kühen
mit dem rechen über der schulter
gingen sie aufrecht und lachten
wenn die rüben gelb aus der erde ragten

einmal nahm meine großmutter mich mit
aufs feld wo sie rasteten most tranken
und mit geröteten wangen
von ihren liebhabern flüsterten
deren köpfe in sternübersäten nächten
manchmal im fenstergitter hängen blieben

Gabriele Pflug

fragment

wie viel himmel
wohnt in den schwingen
eines vogels

Gabriele Pflug

einsam


kein singen und wiegen der zweige
denn die wälder sind leer

nur ein vogel wartet
in der kadenz der stille

Nach einem schmerzhaften Spaziergang durch die Mondlandschaft eines geschlägerten  Waldes.
Gabriele Pflug

vanitas

weil es sich anfühlt
als seien worte wie steine
schwer wie ein abend ohne schutz
eines anderen atems
ohne gewissheit jemand warte
beständig hinter der tür auf dich
mit leichteren worten in der hand
du ordnest bücher nach ihrem gehalt an trost
und verlässt dich und deine haut für kurz
erkennst du den schimmer des schnees
der die weite ausleuchtet
doch von den blüten bleibt nur der name
und du kehrst zurück und alles
berührte versinkt im sand der zeit



Gabriele Pflug

EIN FROHES UND FRIEDLICHES FEST


von winterzeit las ich
in einem gedichtband
von sturm und licht
schneite es unablässig
erhellte schnee die seiten
bis alle buchstaben
ganz in weiß auf den zeilen
haften blieben

Gabriele Pflug

Danke für all eure freundlichen und unterstützenden Worte, die mir oft wie ein Licht leuchten!

damals, als der mond


du warst im auge des mondes
geboren als kind sahst du
nachts ein licht in ihm
war nichts außer atem
still wie dein herz wusstest du
mehr als den himmel umspannte


Gabriele Pflug

Ein Gedicht für Peter Härtling


Fremdling,
du bewegst dich auf den Winter zu
mit kleiner werdender Atemfahne.

Welches Lied wärmt noch
die Lippen flüstern dein Fremdsein
ins Feld, in die Weite.

Draußen dunkelt es ein
und Schnee bringt kein Licht mehr
in die Stille.

Alles verschenkt: Leben und Töne.
 
Gabriele Pflug

sind wiesen auen sind augen


sind wiesen auen sind augen
sind münder die gewässer seen sind
alle worte, die in bäumen wohnen
schon träume ich manche strecke
entlang einer wintererzählung ohne ton
in den mundbewegungen des winds
reist stille über den nordhang in das gedicht
lege ich abends vors fenster
ein immerwährendes kind mein herz
der sitz aller lichten weisungen
ist mondberührt seit meiner geburt

Gabriele Pflug

ein gedicht für Hugo Claus


aus deinen strophen
tropfen milch und tang
worte fluten meinen mund

während du
mit stirnlampe
durchs watt steigst
und gedichte suchst, schlaflos

schlafe ich nicht mehr
seit du herumirrst
höre ich deine schweren schritte
zwischen den seiten

unruhiger punkt in der stille
eingefärbt mit schlick
im wasser deine hand
in der sätze zerrinnen

wirst du eines tages erwachen
wenn die weide abgeblüht
und alle käfer fortgeflogen?

Gabriele Pflug

gedanken zur kommenden winterzeit


I
das schweigsame motto des schnees:
du und dein weg über die rücken
des tages früh ins warme
bevor das dunkel
die spur verschlägt

II
die andere zeit/ schon nahe genug
und deine frage: wie überlebst du
diesen einsamen und schweigsamen winter?

ich lese gedichte

Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Sonntag

Für F

Der Herbst reift im Stillen,
in den Eichenalleen fallen
lichter werdende Farben.

Die Gärten bewohnen Schweigen und Schatten.

Um mein Handgelenk legt sich
zarter Herbstfaden.

Ich weiß, ich weiß, flüstern die Astern.
Scheu auch der Ruf
des Winds.

Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Samstag


für R

Was den Herbst ausmacht:

Frühes Dunkel, die Beständigkeit der Bücher
Unter den Lidern nun ein Schweigen aus Gold.

Keine Seele geht verloren, sagt man.
Doch die Zeit meint es anders.

Du selbst verlierst dich
jeden Tag mehr im Wirbel der Rotationen.
Eine endende Geschichte.
Zuletzt nur ein Echo,
kurz und schon nicht mehr
vertraut.

Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Freitag


für D

Herbstsonate in Moll. Die ersten Gesänge
erreichen dich
aus den nahen Wäldern.

Mit dem November fällt schwerer das Licht über die Hügel.

Gleichmäßig atmest du
im Takt der Pflüge,
die Furchen ziehen in die Leere.

Genug Zeit für Träume,
die bis in den Morgen reichen.
Dunkel und überreif.


Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Donnerstag


für J

Herbstmorgen. Eine Schärfe
liegt heute länger in der Luft.
Geschichten über die Ankunft der Kälte.

Die vielen Bruchstellen
quer durch das Leben
verraten dein Alter.

Augenringe aus Schmerz.

Die Hände von Mayröcker
wie sie Rosen zähmt
eine jede zugleich emporhebt
aus der Erde in Buchseiten presst.

Das Herbstgedicht wird den Winter nicht überdauern
.

Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Mittwoch


für D

Dein Gedächtnis eicht Sätze
aus den Geschichten anderer Leben.
Genug hast du davon gehütet
und schwer wiegt das Erinnern.

Du verkaufst deine Träume
an die Fragen des Analytikers
und erhältst eine Leere
wie Winter, wie Schnee
in dem du ganz Kind darin
versinkst.

Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Dienstag

für A

Wie der harte Wind
der einen Vorwand sucht
in dein Haus zu gelangen
stellst du falsche Berechnungen an
für die männliche Kraft deiner Worte

Und dich
und deine eingeübten Atemzüge
durchstreift die Kälte
des immerwährenden Verlusts
genau hier
an diesem ganz besonderen Morgen
eines schwebenden Lichts



Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche - Montag


für M

Du weißt um die Kälte
der Endlichkeit beim Betreten der Nacht
du kannst nicht weiter gehen
als die Berechnung ergibt

jedem seine Schrittzahl

auf Bitten um Verlängerung
reagiert man gelassen bis taub
 
Gabriele Pflug