damals, als der mond


du warst im auge des mondes
geboren als kind sahst du
nachts ein licht in ihm
war nichts außer atem
still wie dein herz wusstest du
mehr als den himmel umspannte


Gabriele Pflug

Ein Gedicht für Peter Härtling


Fremdling,
du bewegst dich auf den Winter zu
mit kleiner werdender Atemfahne.

Welches Lied wärmt noch
die Lippen flüstern dein Fremdsein
ins Feld, in die Weite.

Draußen dunkelt es ein
und Schnee bringt kein Licht mehr
in die Stille.

Alles verschenkt: Leben und Töne.
 
Gabriele Pflug

sind wiesen auen sind augen


sind wiesen auen sind augen
sind münder die gewässer seen sind
alle worte, die in bäumen wohnen
schon träume ich manche strecke
entlang einer wintererzählung ohne ton
in den mundbewegungen des winds
reist stille über den nordhang in das gedicht
lege ich abends vors fenster
ein immerwährendes kind mein herz
der sitz aller lichten weisungen
ist mondberührt seit meiner geburt

Gabriele Pflug

ein gedicht für Hugo Claus


aus deinen strophen
tropfen milch und tang
worte fluten meinen mund

während du
mit stirnlampe
durchs watt steigst
und gedichte suchst, schlaflos

schlafe ich nicht mehr
seit du herumirrst
höre ich deine schweren schritte
zwischen den seiten

unruhiger punkt in der stille
eingefärbt mit schlick
im wasser deine hand
in der sätze zerrinnen

wirst du eines tages erwachen
wenn die weide abgeblüht
und alle käfer fortgeflogen?

Gabriele Pflug

gedanken zur kommenden winterzeit


I
das schweigsame motto des schnees:
du und dein weg über die rücken
des tages früh ins warme
bevor das dunkel
die spur verschlägt

II
die andere zeit/ schon nahe genug
und deine frage: wie überlebst du
diesen einsamen und schweigsamen winter?

ich lese gedichte

Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Sonntag

Für F

Der Herbst reift im Stillen,
in den Eichenalleen fallen
lichter werdende Farben.

Die Gärten bewohnen Schweigen und Schatten.

Um mein Handgelenk legt sich
zarter Herbstfaden.

Ich weiß, ich weiß, flüstern die Astern.
Scheu auch der Ruf
des Winds.

Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Samstag


für R

Was den Herbst ausmacht:

Frühes Dunkel, die Beständigkeit der Bücher
Unter den Lidern nun ein Schweigen aus Gold.

Keine Seele geht verloren, sagt man.
Doch die Zeit meint es anders.

Du selbst verlierst dich
jeden Tag mehr im Wirbel der Rotationen.
Eine endende Geschichte.
Zuletzt nur ein Echo,
kurz und schon nicht mehr
vertraut.

Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Freitag


für D

Herbstsonate in Moll. Die ersten Gesänge
erreichen dich
aus den nahen Wäldern.

Mit dem November fällt schwerer das Licht über die Hügel.

Gleichmäßig atmest du
im Takt der Pflüge,
die Furchen ziehen in die Leere.

Genug Zeit für Träume,
die bis in den Morgen reichen.
Dunkel und überreif.


Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Donnerstag


für J

Herbstmorgen. Eine Schärfe
liegt heute länger in der Luft.
Geschichten über die Ankunft der Kälte.

Die vielen Bruchstellen
quer durch das Leben
verraten dein Alter.

Augenringe aus Schmerz.

Die Hände von Mayröcker
wie sie Rosen zähmt
eine jede zugleich emporhebt
aus der Erde in Buchseiten presst.

Das Herbstgedicht wird den Winter nicht überdauern
.

Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Mittwoch


für D

Dein Gedächtnis eicht Sätze
aus den Geschichten anderer Leben.
Genug hast du davon gehütet
und schwer wiegt das Erinnern.

Du verkaufst deine Träume
an die Fragen des Analytikers
und erhältst eine Leere
wie Winter, wie Schnee
in dem du ganz Kind darin
versinkst.

Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche- Dienstag

für A

Wie der harte Wind
der einen Vorwand sucht
in dein Haus zu gelangen
stellst du falsche Berechnungen an
für die männliche Kraft deiner Worte

Und dich
und deine eingeübten Atemzüge
durchstreift die Kälte
des immerwährenden Verlusts
genau hier
an diesem ganz besonderen Morgen
eines schwebenden Lichts



Gabriele Pflug

Alle Tage einer Woche - Montag


für M

Du weißt um die Kälte
der Endlichkeit beim Betreten der Nacht
du kannst nicht weiter gehen
als die Berechnung ergibt

jedem seine Schrittzahl

auf Bitten um Verlängerung
reagiert man gelassen bis taub
 
Gabriele Pflug

was wäre


wenn du aus deinen erzählungen schlüpftest
aus den versuchen
eine sprache für deine herzschläge zu finden
die du blind verstehst
für einen moment der gedankenlosigkeit
würde der himmel dich
nicht mehr bedrängen
die formel zu suchen
die dein leben ausmacht
in seiner weite und enge
kein klagen kein sehnen
mitunter nur ein schauer von glück

Gabriele Pflug

vom verschwinden II

des schnees

ein überwinterter gedanke
eiswort für jahrtausende
als lied eingefroren
unter dezembererde
unter ungespurtem schnee
so viel an schweigen
wie der mensch braucht
um neugeboren zu werden



Gabriele Pflug

vom verschwinden I


der frösche


aus ihren verstecken
aus gewässern
aus augen ohren
die sommer die bäche die gräser
abends
das herzstück der ufer
tonlos lautlos spurlos
 
Gabriele Pflug

erinnerungsschnipsel


die rückkehr zu papier
dem geruch nach früher
es war einmal
ein altes kind mit großen augen
und ein nachmittag
voller regen

Gabriele Pflug

wir gehen durchs leben


wir gehen durch städte
ihre geräusche im rücken
stimmen aus den parks
das herz als seismograph
der erschütterungen
wenn jemand auf halber strecke
verloren geht ohne abschied
wenn wir weinen

Gabriele Pflug

gedankenskizze II


der honigflug der bienen. waldlichtungen an wasserstellen.
lindes grün und leichter flügelschlag der farne.
da wusste die welt noch nichts von den kommenden menschen, die die ufer besiedeln werden.
wenig freundliches im blick, mit ihren großen schritten, die zukünftige grenzen abstecken mit raffenden bewegungen.
noch gab es windspiele und halmgezirpe und im herzen der wölfe dröhnendes gelächter.
noch schlief die blutfarbe der wörter tief und schwer.

Gabriele Pflug

gedankenskizze


der morgen drängt ans fenster.
lichtflirren und staubregen bei jeder bewegung.
anzeichen von wind in den blättern der linde. diffuse helligkeit.
die stille des raums. erhöhter herzschlag.
das beben des baumes.
jemand, der vor dem fenster weint.
 
Gabriele Pflug

im morgendlichen zwielicht


im morgendlichen zwielicht
verstecken sich ungeborene gedichte
vor den fenstern spielen kinder
mit losen enden von reimen

und
langsam langsam
dreht sich das wort
aufs papier
 
Gabriele Pflug