Morgenbild


Hartes Licht zeichnet ein Bild in den Morgen.
Kältestarre. Die Hände sind noch zu nichts

zu gebrauchen.
Nur die Augen nehmen sich ein Herz und formen Gedanken.

Morgenstund ohne Gold.
Im Mund ein schaler Geschmack

kommender Verpflichtungen.

Was weiß ich eigentlich über die Trägheit

eines Nachmittags:
An dem die Luft lind, der Atem leicht
und der Wald sich lichtete, weil ein Erzengel

schwarz und schwer
aus dem Tannicht stieg.

Gabriele Pflug

Kommentare:

  1. "Nur die Augen nehmen sich ein Herz" - das ist ganz wundervoll! Was für eine intensive Beschreibung einer ganz bestimmten Morgenstimmung. Und ein neues Wort habe ich auch gelernt: "Tannicht" (das ist schön, weil ich diese Bildungen wie Dickicht, Röhricht, Kehricht etc. sammle). Nur Dein Erzengel gibt mir noch Rätsel auf.

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    1. Liebe Sabine,
      dass der Engel ein Rätsel bleiben soll, ist gewollt. Er kann hier für Vieles stehen. Für eine Stimmung, eine Sehnsucht...
      Wörter, die langsam aus unserer Sprache verschwinden, verwende ich sehr gerne. Dieses Wort Tannicht drückt eigentlich schon alles aus.
      Danke für deinen wunderbaren Kommentar!
      Mit lieben Grüßen
      Gabriele

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  2. Oh, dieses Morgenmatt und wenn es sich zieht in den Tag hinein. Das kann lähmen. ich kenne es so gut. Es schmerzt das Empfinden, aber in deinen Zeilen ist es gut aufgehoben.

    Liebe Grüße,
    Silbia

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    1. Liebe Silbia,
      aus deinem Kommentar spricht so viel Gespür und Sensibilität.
      Danke für deinen Besuch!

      Liebe Grüße
      Gabriele

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  3. Ein sehr geheimnisvolles Gedicht, liebe Gabriele.
    Alles Liebe,
    Michael

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    1. Wie schön, lieber Michael, dass dich das Gedicht anspricht!
      Ich danke dir!

      Mit lieben Grüßen
      Gabriele

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  4. dieses fängt auf so wundersame, wunderbare weise eine ganz bestimmte, besondere morgenstimmung ein, die mir irgendwie auch vertraut ist.
    ein intensives, wunderschönes gedicht, liebe gabriele.
    mit herzgruß,
    deine diana

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    1. dass du es so zu lesen vermagst, berührt mich sehr!
      deine Gabriele

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  5. Ich fühle Deine Worte in mir am Morgen. Gedanken wagen sich zu formen oder entstehen ohne meinen Willen, aber der Körper verharrt noch...
    Liebe Grüße. Priska

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    1. das hast du wundervoll gesagt!
      ich danke dir!

      herzlichst
      Gabriele

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  6. Ja, Tage die so beginnen, werden häufiger, nicht wahr?
    In der letzten Strophe, mit dem Erzengel, empfinde ich einen deutlichen Bruch, fast einen Absturz in Schwärzen und Schwere, die du auch benennt. So unmittelbar nach der Leichtigkeit des Nachmittags kommt das sehr unverhofft - wie manchmal das Lebensende, du kennst das sicher: "wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen, mitten in uns" (aus Rilkes Schlußstück).

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