JULIE/XII

XII

Das letzte Bild.
Julie sitzt auf ihrer Parkbank im Prater.
Sie ist alt. Ob noch Blumen blühten, kann ich nicht erkennen. Sie hat ein Dirndl an, darüber eine grobe Jacke.
Nora ist schon so viele Jahre tot. Karli ist vor einigen Wochen gestorben.
Sie sitzt da wie ein verlorener Vogel, der den Abflug in den Süden verabsäumt hat.
Ich nehme geräuschlos neben ihr Platz. Sie bewegt sich nicht sondern seufzt tief.

War alles eine Plackerei. Hier wie dort. Kohlen vom Keller in den vierten Stock schleppen, Teppiche zum Ausklopfen runter tragen und wieder rauf. Zwei Kriege überleben müssen und dann deine Liebsten verlieren. Hoffentlich hat alles bald ein End mit mir. Niemand ist mehr da.
Ich war doch immer die der anderen. Gehörte nie mir selbst. Hätte es auch gar nicht anders gekonnt.
Ich wäre verloren gewesen und hätte gebettelt, die sein zu dürfen, die dient.

Sie dreht sich zu mir und fragt: Und du?
Die Frage überrumpelt mich.
Ich lebe so anders als du. In meiner Welt haben wir zu viel von allem. Nur die Sprache wird immer weniger. Wir denken in Passwörtern, Codes und schreiben in abgekürzten Wörtern.
Wir glauben, damit Zeit zu gewinnen, Worte, Melodien, Klänge zwischen zwei Buchstaben einzupferchen.

Nein, da möchte ich nicht leben, sagt sie, euch fehlt die Seele.

Ich möchte mit Julie noch eine Weile hier sitzen bleiben, der Sonne das Gesicht zuwenden und ein wenig schweigen.
Und sie könnte gesagt haben: Für solch einen Schnickschnack habe ich keine Zeit. Die Herrschaften brauchen mich.

Genau hier werde ich sie verlassen. Das ist beschlossene Sache.


Gabriele Pflug

Kommentare:

  1. Julie ist weniger zurückhaltend als du in ihrem Urteilen über Dinge, die sie nicht kennt, so scheint mir.
    Ihre plötzliche Frage an dich hat mich auch überrumpelt. Wie deine Antwort - eine Beschreibung meiner Welt wäre so anders ausgefallen als deine. Was du in dem gesamten Text mitvermittelst, dieses Nichtwissenkönnen über Epochen hinweg, gilt wohl auch innerhalb derselben Zeit zwischen Personen. Wie die Notwendigkeit von Respekt gegenüber dem Fremden, zu dem man keine Nähe findet.
    Mehr als nur die persönliche Aufarbeitung einer Beziehung, vielschichtig und stilistisch hochspannend ist deine Geschichte von Julie, die mir sehr gefällt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. liebe ule,
      wie viel zeit und gedanken du meiner julie geschenkt hast, berührt mich sehr.
      ich hatte es schon bereut, solch einen langen text, unterteilt in 12 kapiteln, eingestellt zu haben.
      ich hatte das gefühl, dies sei schlecht angekommen. umso mehr freuen mich jetzt deine kommentare.

      wenn ich an die Julie denke, dann weiß ich zwar um die fakten, speziell, was ausschlaggebend war für die beiden kriege, doch wie sich ein mensch dazwischen bewegt und überleben kann, wie sehr jemand an sich halten muss, um nicht unterzugehen oder in hass zu verfallen, das kann ich nur ansatzweise nachspüren.
      vielleicht ist es genau das, was mich an meinen familienmitgliedern so beschäftigt!

      nochmals vielen lieben dank!
      gabriele

      Löschen
  2. Ich bin froh, dass du dich so entschieden hast. Sonst hätte ich von Julie nicht erfahren, und auch dich nicht ein Stückchen weiter kennengelernt. Auch nicht gewusst, wie gut du Prosa schreibst.
    Gruß
    Ule

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. und ich danke dir, weil mich deine worte ermutigen!
      danke dafür!
      Gabriele

      Löschen
  3. Ein schönes Stück Prosa ist Dir mit Deiner "Julie" gelungen - das Nachdenken über das gelingende Leben in schwierigen Zeiten, das Nachdenken über Lebensalternativen... Dass hier das Geschöpf nun rückfragt und von der Schöpferin eine Antwort verlangt, erscheint mir - wenn auch überraschend - so doch folgerichtig. Der Blick über die historisch ferne Figur zurück auf das eigene Leben und die Frage, wie man auf sein eigenes Leben schaut (vielleicht auch letztlich fragmentarisch), das gibt viel Stoff zum Nachsinnen. Und lieb gewonnen habe ich sie und ihre Erzählerin, wie sie da gemeinsam auf der Bank im Prater sitzen (obwohl ich den Prater nicht mag :-( )... Und was für ein Ende! Eine ganz bewusste Entscheidung und das Wissen um den Zeitpunkt, wann es genug ist. Super! - Ganz herzlichen Dank, dass Du diese Fragmente mit uns geteilt hast.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. du hat einen wunderbaren kommentar verfasst, der mich sehr glücklich macht.
      danke für deine tolle zusammenfassung!
      liebe grüße
      gabriele

      Löschen
  4. Eine leise Erinnerung an jemand aus einer anderen Zeit, der für andere lebte und doch selbst ein Leben hatte, aber das stand immer erst an zweiter Stelle.


    Lieber Gruß von Bruni

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. liebe bruni,
      ich freue mich sehr, dass du meinen text gelesen und so schöne worte für meine zeilen gefunden hast!
      mit vielen lieben grüße
      gabriele

      Löschen