im aufsteigenden licht


wenn der morgen sich aufblättert
mit den immer gleichbleibenden hügeln
ihren kronen aus fichten und tannen
den straßen, die dahin und dorthin führen

mit denselben schatten
die langsam von der mauer
des verlassenen hofes gleiten
in dem eulen wohnen
und unsichtbar die bauersleute
durch das fenster auf mich blicken
dann vermeine ich
etwas neues verberge sich
im aufsteigenden tageslicht


gabriele pflug

 

wortreich

wenn du das buch öffnest
erwacht der herzschlag der wörter

farben und gerüche wachsen
in deinen augen
knospet die welt
 
 
 
gabriele pflug
 
 
 
 

große kleine liebe

es herrscht nacht
und die liebe ist weit weit fort

noch geht die zeit nicht gegen morgen
noch weht sternlicht ans fenster

und ich warte und zähle die schritte
die du brauchst und die liebe
wird immer größer und größer
bis mein kopf schmerzt

doch mit den stunden wird sie
kleiner und kleiner sodass sie
endlich durch den türspalt passt


gabriele pflug

der himmel


ist ein notizblock
mit einträgen, bitten
und randbemerkungen

damit er nicht
verloren geht
bläue ich mir
seinen platz ein


© G.P. 2016 

morgenbild


das licht, das schräg auf die häuserzeile fällt, verströmt eine gewisse traurigkeit. immer noch anhaltender regen. er verglast die straßen, überzieht alles mit verwässertem grau. der himmel ist ein wolkenmeer. schornsteine ohne rauch. ein leerer morgen. ohne die bewegung eines menschen. wären wir nicht mehr, wer würde die traurigkeit des lichts erwähnen? wäre sie noch von bedeutung? vielleicht ist sie ein ausdruck unserer einsamkeit. ein stempeldruck auf durchscheinendem stoff. ein siegel, dass wir sind, für einen moment.
mit meinem finger tippe ich das bild an. grün zuckt der wald.


© G.P. 2016 

sommerland


wiesen breiten einen teppich vor dir aus
während du alles grün in dir aufnimmst
beginnen worte hin und her zu flattern
buchstaben nisten sich in zeilen ein
und das  gedicht entsteht ohne mühen
wie wind, der in dein haar greift

du weißt: für den rest des sommers
wirst du das herz einer schwalbe
bewohnen


© G.P. 2016 

frühlingsmelodie

alle fenster sind
nach süden geöffnet

der wind fegte schon
morgens den himmel licht

erste frühlingsworte
sonnen sich
in blanken spiegeln

und die blauen vögel,
diese unruhegeister,
weben luftige töne

© G.P. 2016 

mond


wie sich seine kühle
auf meine augen legt
für einen moment
ruht sie weiß in mir

hör ich ein flüstern
über dem wald, seine stimme
wendet mein herz
in die verlassenheit der dinge
himmelweise, nachts


© G.P. 2016 

Vertrauen


Als er Kind war, redete die Stimme der Mutter in ihm. Sein kleiner Mund blieb stumm.
Bald veränderten sich die Klangfarben der Wörter. Wurden schriller, höher, dann wieder dumpfer.

Er hörte auch andere Melodien. Das knarrende Geräusch eines rückwärts geschobenen Stuhls, das Pfeifen des Wasserhahns, das Klappern von Töpfen.
Diese Welt wurde seine Vertraute. Er konnte sich auf das Knarzen ausgetretener Dielenböden verlassen, auf den Nachhall zugeschlagener Türen, das regelmäßige Klopfen der Regentropfen an seine Fensterscheiben, den gleichbleibenden Gesang der Amsel.

In den Wörtern der Menschen witterte er schon früh den Verrat. Er hörte, wie die Sprache, je nach Stimmung sich verdunkelte oder erhellte.
Nicht mehr länger vertraute er der menschlichen Zunge.


© G.P. 2016 

glück


lichtes glück
bist du auch
noch so klein
bleib
du honiggelber geschmack
du flügelleichter hauch
wohne
in der netzhaut
meiner sinne


© G.P. 2016 

während ich schlafe

vagabundiert mein auge
auswärts sammelt sein blick
verwischte spuren
im hinterland der tage

© G.P. 2016 

regenlied

wolken schlagen wurzeln
auf geheiß des regens
beginnt die dunkle
stimme der erde
zu singen

© G.P. 2016 

verschrobenes


das blinde fenster blinzelte
schlug mit den flügeln
sodass die angeln quietschten
und lachte gläsern


© G.P. 2016 

gedanken


deine gedanken sind wanderdünen. überall hinterlässt du deine geschichten. in wartehallen, auf papier, in den langen nächten der schlaflosigkeit. manche werden dir nachgetragen und du erschrickst über ihre langlebigkeit. manchmal haben sie ihre farben verändert, sind etwas ergraut oder schimmern zu aufdringlich.
du schämst dich ihrer und fliehst in neue erzählungen.


© G.P. 2016 

blüten

kerbt die wärme
ins holz
des frühlings

© G.P. 2016 

poesie der natur IV


als wären alle wände
durchlässige stimmen
winzige schmetterlinge
fliegen mir in die hand
in der luft origamiblüten
etwas bricht sich bahn
wie nachgetragenes glück


© G.P. 2016 

einmal wuchsen wälder und felder


einmal wuchsen im sommer
die wälder zu
verholzten stimmen
am mohnacker entfachte
mutter das feuer über nacht
verschwand unser haus

wir wohnten auf den feldern
und an mückentagen lernten wir
die sprache der schwalben
flügel droschen reifes korn
am ende des sommers
nahmen wir nichts mit
nur vater schnitt holz
für den kommenden winter


© G.P. 2016 

erinnerung


entlang meiner augen laufen bilder
eine schmale landstraße, ein feiner strich
zwischen himmel und feld, diese trauer
in den gärten entfärbtes leben

bei dir steht der film still:
dein winken, eine zeitlose geste des abschieds
katzen auf deinem schoß, ihr leichtes gewicht
unter deiner hand immer noch der stoff
aus kindertagen, rau und ohne farbe
der himmel ist eine schaukelnde lampe
dein knöcherner kopf wippt gegen das holz der bank

du meinst, nie seist du weiter gereist
als der birnbaum schatten warf
doch am ende seien alle entfernungen gleich lang
jeder vergleich ende mit einem punkt

wie glas bricht dein leben
und lange brennt der schnitt
den ich mir zufüge


© G.P. 2016 

im ersten licht

im ersten licht erblühen dächer
auf dem marktplatz, in vorgärten
junge hunde, ein morgenmensch
spricht mit seinen katzen
prüft die biegsamkeit der halme
jetzt im glitzernden aufbruch
in der ankunft der hellen blüten
im meer der wiedergeburt
von möglichkeiten



© G.P. 2016 


frühling, erste sonnen-striche

in wörtern landen
und rasten
sie grün buchstabieren
oder blau
 
flieg gedicht flieg
mit den lerchen
den verbliebenen
 
und jede zeile wird
den himmel lichten

© G.P. 2016